Hintergrund
Nach Jahrzehnten liberaler Regierungen begann 1880 die ein Vierteljahrhundert andauernde Epoche der konservativen Republik, die mit dem Namen General Julio Argentino Roca und der national autonomistischen Partei PAN verbunden ist. Sie monopolisierten die Macht auf der Grundlage manipulierter Wahlen. Diese wurden durch das voto cantado genannte offene Abstimmungsverfahren begünstigt. Die konservative Republik trat zu dem […]
Nach Jahrzehnten liberaler Regierungen begann 1880 die ein Vierteljahrhundert andauernde Epoche der konservativen Republik, die mit dem Namen General Julio Argentino Roca und der national autonomistischen Partei PAN verbunden ist.
Sie monopolisierten die Macht auf der Grundlage manipulierter Wahlen.
Diese wurden durch das voto cantado genannte offene Abstimmungsverfahren begünstigt.
Die konservative Republik trat zu dem Zeitpunkt auf den Plan, als das Britische Empire nach dem Sieg über China im Zweiten Opiumkrieg eine weltweite ökonomische Vorherrschaft erreicht hatte, die auf dem System einer internationalen, de facto imperialistischen Arbeitsteilung basierte: Dabei blieb die Produktion von Industriegütern den nordeuropäischen Ländern vorbehalten, während in Argentinien billige Lebensmittel (Fleisch und Getreide) für die englische Arbeiterklasse auf den Ländereien in den fruchtbaren Pampas produziert wurden, die sich im Besitz einer kleinen Gruppe von Estancieros, meist Porteños (Einwohner von Buenos Aires) befanden. Gleichzeitig übernahm das britische Kapital die Mehrheit an den Eisenbahnen, Kühlhäusern und Banken.
In dieser Epoche wurden auch massive Einwanderungswellen aus Europa, vor allem aus Italien und Spanien gefördert.
Diese importierte Arbeiterklasse besaß ebenso wenig das Wahlrecht wie ein Großteil der argentinischen Bevölkerung.
Erst 1916 wurde erstmals nach dem allgemeinen Wahlrecht (für Männer) in allgemeiner, freier und geheimer Wahl gewählt.

Mitglieder der Patriotischen Liga patrouillieren in den Straßen von Buenos Aires gemeinsam mit Polizisten während der „Tragischen Woche“. Foto veröffentlicht in der Zeitschrift Caras y Caretas Nº 1059, 18. Januar 1919.
Aus dieser Wahl ging Hipólito Yrigoyen als Sieger hervor, der sich aber einer konservativen Mehrheit im Parlament gegenübersah und daher überwiegend per Dekret regierte. Yrigoyens erste Präsidentschaft (er wurde 1928 erneut gewählt) markiert den Beginn der so genannten radikalen Phase (la etapa radical), die sich innenpolitisch durch eine ambivalente Politik auszeichnete, bei der moderaten sozialen Reformen die brutale Niederschlagung von Streiks und Studentenprotesten gegenüberstand, die in der tragischen Woche (semana trágica) vom Januar 1919 ihren traurigen Höhepunkt fand. Ausgehend von einem Streik in einem metallverarbeitenden Betrieb eskalierte die Gewalt zwischen Polizeikräften, streikenden Arbeitern, die zum Teil der anarchistisch geprägten Gewerkschaft FORA angehörten, Streikbrechern und faschistsischen Kommandos der Argentinischen Patriotischen Liga, die mit dem brutalen Überfall auf das jüdische Viertel Once auch das einzige Pogrom auf dem amerikanischen Kontinent beging, bei dem Synagogen und Bibliotheken zerstört und hunderte Juden ermordet, erniedrigt und gefoltert wurden (Photo: Revista Caras y Caretas [Public domain], via Wikimedia Commons).
Dem Radikalismus folgte von 1930 bis 1943 ein als „infame Dekade“ in die Geschichte eingegangenes Jahrzehnt.
Sie begann mit dem Militärputsch vom 6. September 1930 gegen Präsident Hipólito Yrigoyen, der 1928 demokratisch für seine zweite Amtszeit gewählt worden war, und führte zu einer Reihe betrügerischer und korrupter konservativen Regierungen, die das Land bis 1943 regierten (Bild rechts: Unbekannt [Public domain], via Wikimedia Commons).
Ein erneuter Putsch beendete im Juni 1943 diese Phase. Einer der Gründe des Putsches war auch trotz fortgesetzter Neutralitätspolitik Argentiniens die Nähe der amtierenden Regierung zu den Alliierten des Zweiten Weltkriegs. Gleichzeitig gab es sowohl in der spanisch-, italienisch und deutschstämmigen Bevölkerung als auch im Militär eine Sympathie für die Achsenmächte (Deutschland, Italien, Japan) und den spanischen Faschismus. Als letztes Land überhaupt erklärte Argentinien im März 1945 unter dem Druck der USA Deutschland den Krieg und stellte sich formal an die Seite der Alliierten.
