Hintergrund

Juan Domingo Perón (1895-1974) begann seine politische Karriere nach einer militärischen Ausbildung als Protegé von Edelmiro Farrell, einem der putschenden Generäle von 1943. Schon bald sollte der ebenso charismatische wie widersprüchliche Perón zur prägendsten Figur der argentinischen Geschichte des 20.Jahrhunderts werden (Bild links: Pinélides A. Fusco [Public domain], via Wikimedia Commons). Bevor der überzeugte Antikommunist […]

Juan Domingo Perón

Juan Domingo Perón

Juan Domingo Perón (1895-1974) begann seine politische Karriere nach einer militärischen Ausbildung als Protegé von Edelmiro Farrell, einem der putschenden Generäle von 1943. Schon bald sollte der ebenso charismatische wie widersprüchliche Perón zur prägendsten Figur der argentinischen Geschichte des 20.Jahrhunderts werden (Bild links: Pinélides A. Fusco [Public domain], via Wikimedia Commons).

Bevor der überzeugte Antikommunist 1946 erstmals zum Präsidenten gewählt, ist er bereits als Arbeitsminister und Vizepräsident der Militärregierung von 1943 zum Held der Arbeiterschaft geworden, indem er die Gewerkschaften gestärkt, geregelte Arbeitszeiten, Urlaub, Renten und andere Sozialleistungen eingeführt hatte.

Gleichzeitig lässt Perón, der eine offene Bewunderung für Franco und vor allem Mussolini hegte, tausende Nazis und Kriegsverbrecher über die Rattenlinie genannte Fluchtroute nach Argentinien einschleusen, wo sie oft jahrzehntelang unbehelligt lebten.

Fotografie von Eva Duarte de Perón, das der guatemaltekischen First Lady María Cristina Vilanova de Árbenz (1915-2009) gewidmet ist. Deren Ehemann,Präsident Jacobo Árbenz (1913-1971), wurde 1954 durch einen von der US-Regierung unter Dwight Eisenhower angeordneten Staatsstreich gestürzt.

María Eva Duarte de Perón, via Wikimedia Commons

Perón galt als begabter Redner, dem es gelang, die Massen zu begeistern, doch einen besonderen Anteil an seiner großen Popularität hatte seine zweite Ehefrau Eva Duarte Perón, die in Argentinien bis heute wie eine Volksheilige verehrt wird. „Evita“ war als 15Jährige aus der Provinz nach Buenos Aires gekommen, mit dem unbedingten Willen, Karriere beim Film zu machen (Bild links: Fotografie von Eva Duarte de Perón, das der guatemaltekischen First Lady María Cristina Vilanova de Árbenz (1915-2009) gewidmet ist. Deren Ehemann, Präsident Jacobo Árbenz (1913-1971), wurde 1954 durch einen von der US-Regierung unter Dwight Eisenhower angeordneten Staatsstreich gestürzt.

Nachdem sie Perón kennengelernt und 1945 geheiratet hatte, machte sie Wahlkampf für ihn und als First Lady auch aktiv Politik, vor allem aber engagierte sie sich in einer eigenen Wohltätigkeitsorganisation und stilisierte sich zum „Engel der Armen“, indem sie sich für bessere Wohn- und Arbeitsbedingungen und Frauenrechte einsetzte.

Als „Evita“ nach Peróns Wiederwahl 1952 mit 33 Jahren an Krebs stirbt, sinkt auch dessen Stern. Die Infrastruktur -und Sozialprogramme haben den argentinischen Staat nach den goldenen Nachkriegsjahren fast in den Ruin getrieben, und liberale Gesetze wie die Abschaffung des Religionsunterrichts oder die Gleichstellung nichtehelicher Kinder bringt auch die katholische Kirche gegen Perón auf.

1955 putscht ihn das Militär aus dem Amt, doch Perón bleibt auch im spanischen Exil der Strippenzieher im Hintergrund. Als das Militär 1973 freie Wahlen ausruft, gewinnt Peróns Partei Partido Justicialista und er kehrt wenige Wochen später triumphal nach Buenos Aires zurück, wo Wahlsieger Cámpora bald seinen Posten für ihn freimacht und ihm so eine dritte Amtszeit beschert.

Doch statt des starken Mannes, den die Argentinier sich erhofft hatten, waren sie wenige Monate später, nach dem Tod des ehemaligen Helden der Arbeiter, mit dessen überforderter Witwe Isabel Perón konfrontiert, die der gesundheitlich angeschlagene Präsident als Vizepräsidentin eingesetzt hatte.

Nach zwei chaotischen Jahren, in denen sich linke und rechte Peronisten und die Oppositionskräfte soweit radikalisierten, dass politische Morde, wilde Streiks, Entführungen und paramilitärische Aktionen an der Tagesordnung waren, putschte das Militär am 24. März 1976 ein weiteres Mal.

Das traditionelle Symbol der Mütter, ein Kopftuch, wurde ursprünglich aus dem Stoff einer Windel gefertigt.

Das traditionelle Symbol der Mütter, ein Kopftuch, wurde ursprünglich aus dem Stoff einer Windel gefertigt.

Die sechste Militärjunta, die Argentinien im 20.Jahrhundert regierte, sollte eines der dunkelsten Kapitel in dessen Geschichte schreiben.

Der schmutzige Krieg wurde zum offenem Staatsterror, dem in den Folgejahren mindestens 30 000 Menschen zum Opfer fielen. Sie wurden von Spezialkommandos entführt, gefoltert und getötet, ohne dass ihre Leichen wieder auftauchten. Unter diesen desaparecidos (Verschwundene) waren vor allem Linke und Student*innen, deren Mütter ungeachtet der Gefahr, in die sie sich damit selbst begaben, regelmäßig auf der Plaza de Mayo protestierten und Auskunft über den Verbleib ihrer Kinder verlangten (Bild links: Museo Casa Rosada [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons).

Menotti, bekennder Linker und eine der wenigen prominenten Persönlichkeiten, die das Militärregime offen kritisierten, mit dem WM-Pokal und der obligatorischen Zigarette.

Menotti, bekennder Linker und eine der wenigen prominenten Persönlichkeiten, die das Militärregime offen kritisierten, mit dem WM-Pokal und der obligatorischen Zigarette.

Die Mehrheit der argentinischen Bevölkerung ließ sich aber von Ereignissen wie der Fußballweltmeisterschaft 1978 bereitwillig von wirtschaftlichen Problemen und Verbrechen gegen die Menschenrechte ablehnen, insbesondere da es im Vorfeld auch international keine Proteset gab, und die Albiceleste unter Trainer César Luis Menotti das Turnier schließlich gewann (Bild rechts: Unbekannt [Public domain], via Wikimedia Commons).

Ein weiteres Ablenkungsmanöver von den internen Problemen, jedoch mit anderem Ausgang, war der 1982 von der Junta unter General Videlas Nachfolger Leopoldo Galtieri angezettelte Falklandkrieg, den Großbritannien durch die Wiedereroberung der auch Malvinas genannten Inselgruppe binnen weniger als dreier Monate gewonnen hatte.

Mit dieser Niederlage und vor dem Hintergrund einer galoppierenden Staatsverschuldung hatte die Militärregierung ihren letzten Kredit auch bei der konservativen Bevölkerung verspielt.

Nach Galtieris Rücktritt, der unmitelbar auf die militärische Niederlage folgte, kündigte sein Nachfolger Bignone freie Wahlen für das Jahr 1983 an.

Erster ziviler Präsident wurde Raúl Alfonsín von der Unión Cívica Radical (UCR).

Er trat wie alle seine Nachfolger*innen ein schwieriges Amt an, das ihn angesichts horrender Staatsschulden und Hyperinflation von rund 300% pro Jahrvor nahezu unlösbare Aufgaben stellte.

Sein Nachfolger Carlos Menem, der dem rechten Flügel der peronistischen Partei entstammte, versuchte 1989, durch die Privatisierung von Staatsbetrieben und die 1:1 Bindung des Peso an den US-Dollar, die Situation zu entschärfen, was jedoch nur kurzfristig gelang. Bald äußerte sich die große Diskrepanz zwischen dem offiziellen Wechselkurs und dem inneren Wert des Peso in massiver Kapitalflucht.

Nach der Jahrtausendwende führten schwere Unruhen infolge des Einfrierens sämtlicher Bankguthaben zum Rücktritt des Präsidenten De la Rúa.

Mit der Einstellung aller Zahlungen an private Gläubiger folgte 2002 de facto der Staatsbankrott.

Danach betrat mit Nestor Kirchner/ Cristina Fernández de Kirchner das nach den Peróns als zweitbedeutendste Politikerdynastie geltende Ehepaar des Landes die Bühne, nur unterbrochen von einem weiteren neoliberalen Intermezzo unter Mauricio Macri (2015 bis 2019).

Ende 2019 steht das Land, das in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts zu den zehn reichsten Ländern der Welt zählte, erneut vor der Zahlungsunfähigkeit.