Hintergrund

Die indigene Bevölkerung des heutigen argentinischen Territoriums umfasste bei Ankunft der Spanier zu Beginn des 16. Jahrhunderts nach Schätzungen rund 330.000 Menschen, die gut zwanzig ethnischen Gruppen angehörten. Die Bewohner des Nordwestens, der Zentralen Sierras und der seit Mitte des 19.Jahrhunderts Mesopotamien genannten Region im Nordosten betrieben Landwirtschaft, während im Rest des Landes von Jäger- […]

Die indigene Bevölkerung des heutigen argentinischen Territoriums umfasste bei Ankunft der Spanier zu Beginn des 16. Jahrhunderts nach Schätzungen rund 330.000 Menschen, die gut zwanzig ethnischen Gruppen angehörten.

Die Bewohner des Nordwestens, der Zentralen Sierras und der seit Mitte des 19.Jahrhunderts Mesopotamien genannten Region im Nordosten betrieben Landwirtschaft, während im Rest des Landes von Jäger- und Sammlergruppen dominierten.

Die am weitesten verbreiteten Kulturen waren die Diaguita im Nordwesten, die Guaraní, die Tupí, die Toba und die Guaicurú im Nordosten, die Pampa (von den Spaniern so nach ihrem Lebensraum benannt) im Zentrum und die Tehuelche, Mapuche und weitere Gruppen im Süden. 

Die Diaguita stellten sowohl die komplexeste Kultur als auch mit geschätzt 200 000 Angehörigen die bevölkerungsstärkste Gruppe auf dem argentinischen Territorium.

Sie lebten als sesshafte Bauern, die ihre Mais- Kürbis- und Bohnenfelder mittels künstlichen Kanälen bewässerten und Lamas züchteten, deren Wolle sie zu Stoffen verarbeiteten. Darüber hinaus sammelten sie die Früchte des Johannisbrotbaums und die des Chañar (auch chilenischer Palo Verde genannt).

Jarro pato - Keramikgefäß der Diaguita-Kultur, im Museo Chileno de Arte Precolombino, Santiago de Chile

Jarro pato – Keramikgefäß der Diaguita-Kultur, im Museo Chileno de Arte Precolombino, Santiago de Chile

In der materiellen Kultur der Diaguita sticht die hochentwickelte Keramik hervor. Waren die für den häuslichen Gebrauch bestimmten Töpfe und Gefäße sowohl in Form als auch im Dekor recht einfach gehalten, wurde die rituellen und kultischen Zwecken dienende Keramik in Form und Dekor zunehmend komplexer.

Eine Sonderstellung nehmen Gefäße in Entenform, so genannte jarros patos, sowie Begräbnisurnen ein.

Photo: Warko [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Die Guaraní, kulturell eng verwandt mit den Tupí, siedelten auf argentinischem Territorium vor allem in der heutigen Provinz Misiones als halbsesshafte Bauern, die ihre Felder und Dörfer, sobald der Boden ausgelaugt war, verlegten.

Bis zu 60 patrilinear verwandte Familien lebten jeweils gemeinsam in einem der vier bis sechs großen Häusern, aus denen ein Dorf bestand. Das Bestellen der Felder, auf denen sie u.a. Mais, Maniok und Süßkartoffeln anbauten, blieb den Frauen überlassen, während die Männer jagten und fischten.

Ihre religiösen Vorstellung waren geprägt vom Glauben an ein verlorenes Paradies, in das sie eines Tages, geführt von einem Schamanen, zurückkehren würden.

Jesuitenmission San Ignacio Miní, Argentinien

Jesuitenmission San Ignacio Miní

Während der Phase der Jesuiten-Missionen lebten viele Guaraní in so genannten Reduktionen, de facto Reservaten, die als Modelldörfer organisiert waren und die Bewohner u.a. auch vor Sklavenhändlern schützten. Die nach der Ausweisung der Jesuiten aus der „Neuen Welt“ (1767) schnell zu Ruinen verfallenden Überreste dieser Missionen gelten heute als Weltkulturerbe. (Photo: Miguel Vieira, derivative work: Mr. Pany Goff [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons)

Als Pampa wurden diejenigen indigenen Gruppen bezeichnet, die ihren Lebensraum südlich der Dornbuschsavannen des Chaco, in der so genannten Pampa (Quechua: Ebene, Feld), hatten. Sie gehörten zu den nördlichen Tehuelche, mit denen sie die Wirtschaftsform als nomadische Jäger und Sammler, die soziale Organisation und die Weltanschauung teilten. Von den Mapuche wurden sie Puelche (=Menschen des Ostens) genannt. Zu Beginn des 19.Jahrhunderts wurde die angestammte Bevölkerung nach und nach von den Kulturen der Araukanier und Mapuche überlagert, jedoch nannte man die in dieser Region lebenden Menschen weiterhin Pampa.

Tehuelche

Nach der am weitesten verbreiteten Meinung stammt das Wort tehuelche aus dem Mapudungún (Sprache der Mapuche) chewel che, dessen Bedeutung „tapfere Menschen“, „widerspenstige Menschen“ oder „Menschen aus kargem Land“ wäre. Eine andere Version deutet darauf hin, dass es vom Namen einer ihrer Teilgruppen, der Teushen, dem das Mapuche Wort „che“, was „Menschen“ oder „Dorf“ bedeutet, angehängt wurde.

Tehuelche fungiert als Sammelbegriff für mehrere indigene Gruppen, die ihren Lebensraum in der südlichen Pampa und in Patagonien hatten. Ihr südlichster Zweig nannte sich Aónikenk. Sie lebten in weitgehend egalitär organisierten Gruppen als nomadische Jäger und Sammler.

Darstellung eines typischen Zeltlagers (aik oder aiken) der Tehuelche, Patagonien, Argentinien

Darstellung eines typischen Zeltlagers (aik oder aiken) der Tehuelche

Zu Fuß durchstreiften sie ausgedehnte Gebiete, um Guanacos, Nandús und anderes essbares Wild zu jagen. Dank ihrer detaillierten Kenntnis des Territoriums folgten sie saisonal den Wildtierherden zu deren Weidegebieten. Hier schlugen sie dann jeweils ihr Lager auf, aik oder aiken genannt. Dies bestand aus halboffenen Zelten, deren Stangen mit rotbemalten Tierhäuten bespannt waren. Während der Winterzeit blieben sie im Flachland (im Grasland, an Küsten und Seeufern), während sie im Sommer auf die zentralen Hochebenen Patagoniens oder in die Anden zogen, wo sie im Cerro Chaltén ihren heiligen Berg hatten (Bild: Photographische Reproduktion aus „Reise zum Südpol und über den Ozean …..“ durch die französischen Schiffe ASTROLABE und ZELEE unter dem Kommando von Dumont D’Urville, 1842. Quelle: NOAA [Public domain], via Wikimedia Commons).

Im Kontakt mit den Mapuche, die im Zuge der so genannten Araukanisierung Patagoniens aus dem später Araukanien genannten Teil Chiles auch auf argentinisches Territorium vordrangen, veränderte sich die Lebensweise sowohl der Tehuelche wie auch anderer Gruppen im argentinischen Patagonien. Einen grundlegenden Kulturwandel bewirkte die Einführung des Pferdes, dank dessen die Indigenen nicht nur weitere Strecken zurücklegen, sondern auch wesentlich effizienter jagen konnten.

Auch die soziale Organisation wandelte sich von kleinen, egalitären Familienverbänden hin zu größeren Einheiten von bis zu 1000 Menschen unter der Führung eines Kaziken. Besonderen Einfluss hatte die Einführung des Pferdes auf die Kriegsführung sowohl der Mapuche als auch der Tehuelche, die zu buchstäblichen Reitervölkern wurden.