Hintergrund
Nach Kriegsende wurde der Konservative Rafael Reyes (1904-1909) zum Präsidenten gewählt, der sich durch die Aufnahme von Liberalen in sein Kabinett auch in der eigenen Partei Feinde machte. Bereits 1905 löste er den Kongress auf, um ihn durch eine Verfassungsgebende Versammlung zu ersetzen, die ihm diktatorische Befugnisse gewährte. Während seiner Amtszeit stabilisierten sich innere Ordnung […]
Nach Kriegsende wurde der Konservative Rafael Reyes (1904-1909) zum Präsidenten gewählt, der sich durch die Aufnahme von Liberalen in sein Kabinett auch in der eigenen Partei Feinde machte.
Bereits 1905 löste er den Kongress auf, um ihn durch eine Verfassungsgebende Versammlung zu ersetzen, die ihm diktatorische Befugnisse gewährte.
Während seiner Amtszeit stabilisierten sich innere Ordnung und Wirtschaft und ein Prozess der Industrialisierung und Modernisierung des Staates wurde eingeleitet.
Mit Enrique Olaya Herrera (1930-1934) begann 1930 eine sechzehnjährige Phase liberaler Dominanz. In seiner Amtszeit kam es 1932 zum Krieg mit Peru, nachdem peruanische Soldaten Leticia im Dreiländereck mit Peru und Brasilien eingenommen hatten. Anders als frühere Konflikte konnte dieser jedoch durch das Protokoll von Rio de Janeiro auf diplomatischem Wege beigelegt werden.
Stattdessen brach der blutigste Konflikt in der kolumbianischen Geschichte 1948 erneut als Bürgerkrieg zwischen Konservativen und Liberalen bzw. deren militanten Anhängern aus.
Auslöser war die Ermordung des aussichtsreichen progressiv-liberalen Präsidentschaftskandidaten Jorge Eliécer Gaitán, der am 9.April in Bogotá auf offener Straße erschossen wurde, während zeitgleich die IX. Panamerikanische Konferenz als Gründungsveranstaltung der OAS (Organisation Amerikanischer Staaten) tagte.
Während die US-Delegation die Teilnehmer auf einen strikt antikommunistischen Kurs einzuschwören suchte, gingen Teile des Veranstaltungsortes in Flammen auf und Bogotá in einer Welle der Gewalt unter.
Der mutmaßliche Mörder Gaitáns wurde direkt nach dem Anschlag von einer wütenden Menge gelyncht, doch da man die geistigen Mörder im Präsidentenpalast vermutete, wollte die aufgebrachte Menge die konservative Regierung stürzen und die Macht der Oligarchie brechen.
Die als Bogotazo in die kolumbianische Geschichte eingegangene Folgezeit kostete mindestens 1000 Menschen das Leben, doch noch weitaus blutiger sollte das kommende, La Violencia genannte Jahrzehnt werden, an dessen Ende man 200 000 Tote zählte, was rund einem Prozent der Bevölkerung entsprach.
Während der Epoche der Violencia hatte sich der Konflikt als nicht erklärter Bürgerkrieg über das gesamte Land ausgebreitet, und in entlegeneren Regionen des traditionell schwachen Zentralstaates wurden von Kommunisten und aufständischen Bauern autonome Republiken gegründet.
Als das kolumbianische Militär 1964 mit Unterstützung der USA mit der Republica de Marquetalia eine von ihnen gewaltsam eroberte, gründeten die Überlebenden dieser ländlichen Kampftruppen die Fuerzas armadas revolucionarias de Colombia, die FARC.
Als militärischer Arm der kommunistischen Partei operierten sie unter ihren Anführern Manuel Marulanda und Jacobo Arenas zunächst nur auf dem Land, wo sie für die Rechte der Bevölkerung gegenüber den Großgrundbesitzern eintraten.
Parallel entstanden auch erste paramilitärische Gruppen, die oft von Großgrundbesitzern und Drogen-Baronen gegründet und finanziert wurden.
Erst in den 1980er Jahren verbündeten sich zunehmend Coca-Kleinbauern mit der Farc, und diese schloss wiederum Allianzen mit den Kartellen, um sich fortan auch mit Drogengeld zu finanzieren. Als es 1984 ein erstes Angebot zu Friedensverhandlungen von Seiten der konservativen Regierung gab, gründete sich mit der Union Patriotica eine politische Partei, die Ziele der Farc mit demokratischen Mitteln durchzusetzen suchte. Trotz erster Erfolge bei Wahlen wurden in der Folgezeit tausende Mitglieder von Paramilitärs ermordet und 1990 schließlich auch ihr Präsidentschaftskandidat Bernardo Jaramillo Ossa (Bild: El Espectador [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons).
Im Laufe der 1990er Jahre eskalierte die Gewalt: Paramilitärische Todesschwadronen verübten Massaker an der Landbevölkerung, geduldet und gedeckt von der kolumbianischen Armee, die ihrerseits über Jahre Unschuldige ermordete und als Guerillakämpfer ausgab, um ausgesetzte Kopfgeldprämien für getötete Guerilla-Kämpfer zu kassieren (falsos positivos).
Rechtsgerichtete Paramilitärs gründeten mit der Autodefensas Unidas de Colombia ihre Dachorganisation, während die FARC nach gescheiterten Verhandlungen mit der Regierung unter Präsident Andrés Pastrana verstärkt versuchte, inhaftierte Kämpfer durch Entführungen wie die der prominenten Politikerin Ingrid Betancourt freizupressen.
Pastrana initiierte auch den später unter Álvaro Uribe fortgeführten Plan Colombia, der mit hunderten Millionen Dollar US-Unterstützung u.a. den Einsatz des Militärs für polizeiliche Aufgaben, die Vernichtung von Koka-Anbauflächen durch Besprühen mit Herbiziden wie dem Monsanto-Produkt Roundup sowie die Bekämpfung linker Guerillas zum Ziel hatte.
Während der Amtszeit des rechtsgerichteten Álvaro Uribe, die das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends prägte, wurde das militärische Vorgehen gegen die FARC verstärkt, womit Uribe das Versprechen, mit dem er die Wahl 2002 gewonnen hatte, einlöste.
Aussicht auf eine zumindest vorläufige Beendigung des jahrzehntelangen Konflikts eröffnete erst die Präsidentschaft Juan Manuel Santos‘, obwohl dieser als Hardliner galt und u.a. während des so genannten Falsos Positivos Skandals amtierender Verteidigungsminister war.
Erneute Verhandlungen mit der FARC wurden erstmals international von den Garantenstaaten Norwegen und Kuba sowie von Venzuela und Chile begleitet.
Nachdem die FARC 2014 einen einseitigen Waffenstillstand verkündet hatte, folgte 2016 ein beiderseitiger, unbefristeter Waffenstillstand.
Als am 26. September 2016 ein Friedensvertrag unterzeichnet wurde, galt dies auch international als großer Erfolg, der jedoch im Plebiszit vom Oktober bei geringer Wahlbeteiligung denkbar knapp scheiterte. Beobachter führten diese Scheitern nicht zuletzt auf massive mediale Panikmache und gezielte Falschmeldungen aus dem rechten Lager um Ex-Präsident Uribe zurück (Bild: Gobierno de Chile [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons).
Dennoch unterzeichneten die Verhandlungsparteien bereits im November 2016 einen überarbeiteten neuen Vertrag. Im Oktober desselben Jahres wurde Präsident Santos der Friedensnobelpreis zuerkannt.
Zur Umsetzung von zentralen Elementen des Vertragswerks wie ländliche Entwicklung und politische Teilhabe der ehemaligen FARC-Kämpfer fehlen bis heute die juristischen Voraussetzungen.
2018 gewann mit Iván Duque ein rechtskonservativer Politiker und Kritiker des Friedensvertrags die Präsidentschaftswahlen, jedoch schaffte es mit Gustavo Petro, Kandidat des Bündnisses Colombia Humana erstmals ein linksgerichteter Politiker in die Stichwahl um das höchste Staatsamt.



